
* 20. September 1916 in Polzela, Slowenien. † 18. Mai 2009 in Zürich, Schweiz. Paul Parin – geboren als Kind einer jüdisch-schweizerischen Kaufmannsfamilie, studierte der behütet Aufgewachsene später Medizin in Graz, Zagreb und Zürich. Das Studium schloß er 1942 ab. Während des II. Weltkrieges engagierte sich Paul Parin aus politischer Überzeugung in General Titos jugoslawischer Befreiungsarmee, in der er als Chirurg arbeitete. Nach dem Krieg führten ihn seine Interessen und die Kriegserfahrungen bald zielgerichtet zur Psychoanalyse, wobei ihn ethnologische und interkulturelle Fragestellungen besonders reizten.
Folgerichtig zog es ihn, seine spätere Frau Goldi zusammen mit dem gemeinsamen Freund Fritz Morgenthaler ab Mitte der fünfziger Jahre in die damals noch wenig erforschten Teile Innerafrikas. 1963 wurde Parin bekannt mit dem publizistischen Versuch, die Methoden der Psychoanalyse in der Ethnologie anzuwenden. Mit seiner psychoanalytisch konzeptionierten Feldforschungsstudie, die er unter dem Titel »Die Weißen denken zu viel« veröffentlichte, zeigte Parin, daß sich die in Europa und Nordamerka entwickelte und angwandte Psychoanalyse auch für die Arbeit mit Angehörigen anderer Herkunft eignete – und umgekehrt die Weißen gut beraten sind, sich viel intensiver auf die Seele Afrikas einzulassen.
Auszeichnungen für Paul Parin
1992 Erich-Fried-Preis für Literatur
1997 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa
Wisssenschaftliche Arbeiten
Paul Parin
Der Widerspruch im Subjekt. Ethnopsychoanalytische Studien.
EVA Taschenbücher Bd. 9; 1992. Europäische Verlagsanstalt, kt.
14,50 €
Paul Parin, Fritz Morgenthaler, Goldy Parin-Matthey
Die Weißen denken zuviel. Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Westafrika.
Sonderausgabe zum 90. Geburtstag. 2006. 634 S., Europäische Verlagsanstalt, kt.
28,00 €
Parin, Paul
Psychoanalyse, Ethnopsychoanalyse, Kulturkritik.
1 CD-ROM . Hrsg. v. Johannes Reichmayr, 2004, In Jewelcase, Psychosozial-Verlag, CD
19,90 €
Paul Parin, Fritz Morgenthaler, Goldy Parin-Matthey
Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst. Psychoanalyse und Gesellschaft am Modell der Agni in Westafrika.
Rhe. Bibliothek der Psychoanalyse , Neuausgabe 2006, 581 S., m. 16 Fotos, Psychosozial-Verlag, kt.
39,00 €
Parin, Paul; Parin-Matthèy, Goldy
Subjekt im Widerspruch.
Neuausgabe 2000, 277 S., Psychosozial-Verlag Pb.
8,00 €
Parin, Paul
Zu viele Teufel im Land. Aufzeichnungen eines Afrikareisenden.
Mit Goldy Parin-Matthey. EVA Taschenbücher Bd. 205. 1993, mit 1 Übers.-Kte. Europäische Verlagsanstalt, kt.
11,20 €
Parin, Paul
Ethnopsychoanalyse, Bd. 6: Forschen, erzählen und reflektieren.
Mit Beitr. v. Mario Erdheim, Paul Parin u. a. 2000, 240 S., Brandes & Apsel, Pb.
19,90 €
Erzählungen, Biographisches
Parin, Paul
Das Katzenkonzil.
lllustrationen v. Hophan, Manù. 2002, 100 S., EVA Europäische Verlagsanstalt, Gb. Statt bis soeben 19,90 € hier verlagsfrisch zu 4,90 €
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Parin, Paul
Der Traum von Segou.
Neue Erzählungen. 2001, 196 S., Europäische Verlagsanstalt, Gb.
19,50 €
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Parin, Paul
Die Leidenschaft des Jägers. Erzählungen.
2003, 199 Seiten, EVA Europäische Verlagsanstalt, Gb.
Statt bis soeben 19,90 € hier verlagsfrisch zu 9.90 €
»Von der Jagd als Bühne ungehemmter Leidenschaften, von ihrer verführerischen Rolle als Agentin brennender sexueller Begierde und tobender Lust zu töten, künden Paul Parins fesselnde Erzählungen. Und die anfängliche Frage des Lesers, was ihn die Jagd eigentlich angehe, wird zur unheimlichen Begegnung, verwandelt sich in ein staunendes Déjà-vu-Erlebnis, ist doch die Leidenschaft des Jägers, von der Paul Parin nüchtern und mitreißend zugleich erzählt, ein Spiegel vertrauter Begierden, und vielleicht neidet er schließlich sogar dem Erzähler seine sinnliche Liebesbeziehung zur Jagd.
Man meint zu wissen, warum die Jagdgottheiten der Antike verführerisch schöne Frauen waren. ›Kalliste‹, die Schönste, lautete der Beiname der Artemis, der zu Ehren Mädchen sich mit Phallen schmückten. Und diese Fährte führt zurück zu einer großen Muttergöttin, deren Omnipotenz sich nicht zuletzt darin zeigte, dass sie an keine geschlechtlichen Grenzen gebunden war. Darum drehen sich auch die Geschichten von Paul Parin, die von unbezähmbaren Leidenschaften, die sich an keine Schranken halten, erzählen. So verbinden sich der erste Samenerguss und der erste Schuss auf den Haselhahn oder auch die Schmach körperlicher Züchtigung, Trost und die Lockungen gleichgeschlechtlicher Liebe; da geht es um die Rollen im Liebesspiel, ob aktiv oder passiv, um Mordlust und das fieberhafte sexuelle Delir von Kleinbürgern, das sich um eine extravagante Außenseiterin rankt, um die Jagd auf die Dorkasgazelle, suchtartige Trophäenjagd und Selbstmord, da gehören die Verführung des jugendlichen Jägers und das Erlegen des ersten starken Bocks zusammen.
Meisterhaft versteht sich Paul Parin auf das Zusammenspiel von Erinnerung und Fiktion, und es macht einen nicht geringen Reiz dieses Buches aus, dass sich der Leser nie sicher sein kann, ob und wann er es in den Geschichten mit Erlebtem oder Dichtung, mit unerfüllten Sehnsüchten oder wunscherfüllenden Erinnerungen zu tun hat.
›Licence for Sex and Crime‹ ist die Jagd, schreibt Parin, in ihr offenbare sich nicht der archaische Mensch, sondern der Mensch der jeweiligen Kultur, der in seiner Sozialisation ›den verbotenen Genuss des Verbrechens, von Grausamkeit und Mord und die Lust ungehemmter Sexualität übernommen‹ hat.
Warum nun eine Besprechung dieses Erzählbandes an einer Stelle, die sonst der Fachliteratur vorbehalten bleibt? In diesem jüngsten Buch des Neurologen und Psychoanalytikers Paul Parin verbindet sich Erzählkunst und Psychoanalyse, die als solche nicht mehr zu erkennen ist, weil sie ganz selbstverständlich in der Erzählung aufgeht. In ihrer Laudatio für den Erich-Fried-Preis beschrieb Christa Wolf den Kampf für bessere Verhältnisse, sei es als Arzt bei den jugoslawischen Partisanen, als Psychoanalytiker in Zürich und als Ethnopsychoanalytiker in Afrika, als den ›praktisch harten Kern von Parins Utopie‹. Letztlich ist das Buch eine ungewöhnlich schöne und unbeschwerte Weise, der Psychoanalyse näher zu kommen. Wer dann ›seinen‹ Freud, die Verschränkung von Triebtheorie und Objektbeziehungstheorie, die sozialpsychologische Bedeutung der Psychoanalyse immer noch nicht versteht, dem ist wahrscheinlich nicht zu helfen.«
Christian Maier, in: Deutsches Ärzteblatt, PP 3, Ausgabe Januar 2004, Seite 2
19,90 € 9.90 €
Parin, Paul
Eine Sonnenuhr für beide Hemisphären und andere Erzählungen.
1995, 208 S., 1 Faks., EVA Europäische Verlagsanstalt, Gb.
17,50 €
Parin, Paul
Heimat, eine Plombe. Rede im November 1994 in Wien.
Beitr. v. Zahl, Peter P. Hrsg. v. Groenewold, Sabine, Rhe. Reden, 1996, 60 S. ,EVA Europäische Verlagsanstalt, Gb.
13,50 €
Parin, Paul
Karakul. Erzählungen.
1993, 168 S., EVA Europäische Verlagsanstalt, Gb.
19,50 €
Parin, Paul
Lesereise 1955 bis 2005.
2006, 184 S., Zeitungsverlag Freitag, Pb.
17,80 €
Parin, Paul
Noch ein Leben. Eine Erzählung. Zwei Versuche.
Neuaufl. 2002, 156 S., Psychosozial-Verlag, kt.
9,90 €
Parin, Paul
Untrügliche Zeichen von Veränderung. Jahre in Slowenien.
Vorw. v. Parin, Paul. Veränd. Neuaufl. 1992, 192 S., EVA Europäische Verlagsanstalt, Gb.
19,50 €
Sekundärliteratur
Ursula Rütten
Im unwegsamen Gelände. Paul Parin – Erzähltes Leben.
1996. EVA Europäische Verlagsanstalt, 222 Seiten, Gb.
SFB-Exklusivangebot zum Sonderpreis
€ 9,80 (statt € 19,80)
Aus einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ Folio 04/06)
»Wie der Psychoanalytiker Paul Parin in der Wüste merkte, dass er alt wurde, und weshalb er findet, die Alten könnten den Jungen nichts raten.«
Von Daniel Weber
Herr Parin, gab es einen Moment in Ihrem Leben, als Sie merkten: Jetzt werde ich alt?
Ja, ich erinnere mich genau daran, da war ich 63. Meine Frau und ich waren 1979 vom Goethe-Institut in Algier eingeladen worden, und nach unseren Vorträgen machten wir eine Rundreise mit dem Mietwagen. Am ersten Abend waren wir in einer Oase ohne Hotel, also fuhren wir hinaus auf einen Hügel und legten uns auf eine Wiese, eigentlich war es harter Lehm mit etwas Gras. Wir hatten nur unsere Schlafsäcke dabei. Aber obwohl wir todmüde waren, konnten wir nicht schlafen. Am nächsten Morgen, als wir in einem Lokal heissen Tee tranken, sagte ich zu meiner Frau: Jetzt beginnen wir alt zu werden. Wir konnten nicht mehr einfach irgendwo Halt machen, wir mussten nun schauen, dass wir ein Bett hatten.
Anders als bei Ihren Forschungsreisen in den 1950ern?
Da waren wir unter sehr primitiven Verhältnissen unterwegs und schliefen oft im Freien. Aber zur Zeit des Kolonialismus war das Reisen in Afrika leichter als in den 1960er Jahren. Das französische Militär hat zum Beispiel unsere Reise durch die Sahara überwacht. Es gab auch einfache Rasthäuser – die verschwanden nach 1960.
Und als Sie dann 63 waren, fühlten Sie sich wirklich alt?
Nein, eigentlich gar nicht. Ich wusste zwar, dass ich alt werde, aber ich habe mich erst spät darauf eingestellt. Die Praxis gaben wir erst auf, als ich 74 war, und ich habe bis zum Schluss gern behandelt. Ich hatte keinen Grund, mich für alt zu erklären. Erst als meine Frau, die fünf Jahre älter war als ich, ein Altersleiden bekam und immer schlechter sah, fand ich: Nun sind wir ins Greisenalter eingetreten.
Diese Erkenntnis war vor allem verbunden mit einem Gefühl von Verlust?
Ich erlebte vor allem die physischen Folgen der Alterung. Das Alter ist an und für sich nichts Gutes. Als Leitspruch habe ich bis heute den Satz des italienischen Philosophen Norberto Bobbio: Wer das Alter lobt, der hat ihm nie ins Antlitz geschaut.
Sie wirken aber nicht verbittert.
Gezwungenermassen habe ich auch die guten Seiten des Alters entdeckt. Das Wichtigste für mich war, dass ich anfing, literarisch zu schreiben. Es gibt ja bedeutende Autoren, die erst im Alter zum Schreiben gefunden haben. Da habe ich mir gesagt: Es hat also auch Vorteile, wenn man sich zur Ruhe setzt. Man kann erzählend gestalten, was man in seinem Leben erfahren hat.
Von manchen Leuten sagt man, sie könnten nicht alt werden.
Ich kenne einige, auf die dies zutrifft. Fritz Morgenthaler etwa, mit dem wir die Praxis hatten und viele Expeditionsreisen unternahmen, lebte immer so, als sei er 20. In seinem letzten Lebensjahr, er war 65, machte er eine grosse Reise in Jemen und logierte nur in One-Dollar-a-Night-Hotels. Nicht aus Geldmangel oder Geiz, ihm gefiel es, so zu tun, als sei er ein 20-jähriger Abenteurer. Er ist dann, wie man es ihm vorausgesagt hatte, an einem Herzinfarkt gestorben, in Addis Abeba. Es gibt Menschen, deren Selbstgefühl ihnen auch im Alter sagt, sie seien in ihren allerbesten Jahren. Nicht in ihren besten, in ihren allerbesten.
Ist das nicht eine Wahnvorstellung?
Es gibt Menschen, die die Aussage «Ich bin alt» schlicht nicht akzeptieren, die sich ewig jung fühlen. Die hatten gewöhnlich schon in der Kindheit und Adoleszenz ein gutes Selbstwertgefühl, waren einverstanden mit sich und ihrem Leben und ihren Wünschen. Sie haben auch wenig Ängste und keine Angst vor dem Tod – oder zumindest eine gute Abwehr gegen diese Angst. Einige meiner Freunde hatten auch im Greisenalter noch nicht begriffen, dass sie alt geworden waren.
Bei Ihnen war das nie der Fall?
Ich habe meine Alterserscheinungen nicht negiert, das kann man ja gar nicht, wenn man Schmerzen hat. Aber als Mediziner hatte ich zum Beispiel die Möglichkeit, den Zeitpunkt selber zu bestimmen, wann ich mein künstliches Hüftgelenk bekam. Die Hüftgelenkarthrose hatte ich schon lange, aber ich liess mich erst operieren, als ich nicht mehr zur Tramstation gehen konnte. Die Ersatzgelenke hatten damals eine Lebenszeit von 15 Jahren, darum wollte ich möglichst spät eins, weil ich ja nicht wusste, wie lange ich leben würde.
Sie sind jetzt 90 und verlieren Ihr Augenlicht. Woher nehmen Sie Ihre Gelassenheit? Haben Sie gar keinen Groll?
Nein, wenn man so alt wird, muss man Beschwerliches in Kauf nehmen. Man sagt mir, es sei mutig, wie ich mich auf das Blindwerden einstelle. Aber von Mut kann keine Rede sein. Wenn Sie mit dem Rücken zur Wand stehen, können Sie nicht fliehen. Entweder muss ich sterben oder mich irgendwie anpassen. Und ich habe das grosse Glück, Freunde zu haben, die mich besuchen, die mir im Alltag helfen. Das gibt mir Zeit, mich an die tausend Schwierigkeiten zu gewöhnen, mit denen ein Blinder lebt. Ich bin ein ausgesprochener Augenmensch, ich habe mit Büchern und dem Schreiben gelebt. Im Alter, als das Gedächtnis nachliess, habe ich mit Notizen mit mir selber verkehrt. Notieren kann ich noch knapp, aber selber lesen kann ich es nun nicht mehr.
Bereuen Sie es, keine Kinder gehabt zu haben?
Meine Frau und ich haben diese Frage oft diskutiert und im gemeinsamen Einverständnis auf Kinder verzichtet. Kinder hätten Goldy von dem isoliert, was sie am meisten interessierte, von ihrer Arbeit. In Afrika waren wir ein paarmal der Versuchung ausgesetzt, ein Kind zu adoptieren, aber wir wussten um die Schwierigkeiten, die ein Kulturwechsel für ein Kind bedeuten würde.
Wie wichtig ist eigentlich Sex im Alter noch?
Die Bedürfnisse kommen noch, aber man misst den Sex ja am Ideal der besten Jugend, und daran reicht er im Alter nicht heran, er ist weniger lustvoll. Daran ändert auch Viagra nichts. Für Frauen ist das Problem im Übrigen ebenso gross wie für Männer. Es ist einfach eine der Frustrationen des Alters, ähnlich wie die, dass man sich nicht mehr so gut bewegen kann. Zum Glück ist das Tabu der Selbstbefriedigung aus der Welt geschafft worden. Die Masturbation als Ersatzbefriedigung ist nicht mehr so verpönt, wie sie das früher war.
Würden Sie von sich sagen, Sie seien auf eine gute Art alt geworden?
Nein. Wirklich gut lebte ich, solange meine Frau gelebt hat. Wir waren 58 Jahre zusammen, sie war 86, als sie starb. Solange sie noch am Leben war, bin ich gut gealtert. Als sie starb, wurde ich schlagartig zum Greis. Und die Gebresten begannen sich zu häufen.
Sie haben vor Jahren Aufsehen erregt, als Sie die Drogenfreigabe für alte Menschen forderten, weil es unsinnig sei, sie leiden zu lassen.
Ja, der Aufsatz «Weise Pharmagreise» hat mehr Echo gehabt als alles andere, was ich geschrieben habe. Dabei ist meine Forderung doch nur vernünftig: Wieso sollen alte Menschen Leiden und Schmerzen ertragen müssen? Es ist ein grosses Verdienst der Pharmakologie, dass wir Schmerzen in Grenzen halten können. Oft ist man da zurückhaltend aus Furcht, ein Patient könnte zum Beispiel morphiumsüchtig werden. Das ist doch egal, wenn er dafür ein besseres Alter hat! Man sollte alles einsetzen, was die Beschwerden des Alters erleichtert.
Sie sprechen aus eigener Erfahrung.
Nicht nur. Einer meiner Lehrer, der Medizin-Nobelpreisträger Otto Loewi, nahm im Alter morgens Speed, abends Morphium, daneben die übliche Droge Alkohol – er wurde fast 90 und war ein sehr jugendlicher, leistungsfähiger Greis. Ich selber trinke Alkohol, nehme viele Medikamente, auch Schmerz- und Schlafmittel. Und ich rauche, seit ich 16 bin. Ich habe nie versucht, es aufzugeben.
Können Sie mit dem Begriff «in Würde altern» etwas anfangen?
Die Würde ist wie andere abstrakte Begriffe derart breitgetreten worden … Ich hatte Freunde, die ich im Altersheim besucht habe, die im Spital lagen: da musste man den Begriff des würdigen Alters schon sehr dehnen. Ich habe für das sogenannte Altern in Würde die wichtigste Voraussetzung: Ich kann von den Ersparnissen leben, meine Frau und ich haben beide gearbeitet, und wir haben keine Kinder gehabt. Von der AHV allein könnte ich mir diese grosse Wohnung, in der ich seit über 50 Jahren lebe, nicht leisten. Auch nicht Frau Bitterlin, die seit 54 Jahren meine Sekretärin ist, oder die Putzfrau.
Haben Sie auch unwürdige Situationen erlebt?
Als ich noch tramfahren konnte, bin ich zweimal beim Einsteigen zusammengebrochen, meine Beine knickten einfach weg. Beim ersten Mal half mir eine Zugewanderte, ich glaube, eine Ukrainerin, ganz selbstverständlich. Das habe ich sehr geschätzt. Beim zweiten Mal waren ein paar Schüler im Tram, die schauten zu und taten nichts.
Wie erklären Sie den Unterschied?
Es gibt Kulturen, in denen bei der Erziehung Wert darauf gelegt wird, dass man den Alten Rücksicht entgegenbringt. In Afrika zum Beispiel ist dieser Respekt in der Familienstruktur angelegt: Die Gesellschaft ist clanmässig organisiert, die erweiterte Familienstruktur ist die funktionierende soziale Einheit. Und da haben die Clanführer natürlich eine hohe Stellung. Ihre Würde leitet sich also aus ihrem sozialen Status ab – es ist schlecht verstandene Völkerkunde, wenn man meint, das Alter sei generell mit Würde verbunden.
Welche gesellschaftliche Rolle sollten die Alten heute bei uns spielen?
Traditionsgemäss ist es so, dass die Alten den Jungen weitergeben sollten, was sie erfahren haben in ihrem Leben, was falsch war und was gut. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Gesellschaften, die einem schnellen Kulturwandel unterworfen sind, und solchen, die eine grosse Konstanz haben. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat die Gesellschaften eingeteilt in kalte und warme. In den kalten, die sich nur langsam verändern, ist es erstrebenswert, dass der Enkel genau gleich lebt wie sein Grossvater.
Das ist bei uns offensichtlich nicht der Fall.
Wir gehören einer enorm heissen Gesellschaft an, die sich sehr schnell verändert. Heute können darum alte Leute nicht kommen und sagen: Nach meiner Lebenserfahrung ist das so und so. Was soll ein alter Mann den Enkeln also raten? Er soll sagen: Macht es nicht wie wir, denn ihr lebt in einer Gesellschaft, deren Voraussetzungen sich ständig ändern – in eurem Lebenslauf sind meine Erfahrungen nicht mehr gültig.
Aber das gilt doch wohl nicht für grundlegende ethische und moralische Werte?
Nur dann nicht, wenn sich die Alten klar darüber sind, woher sie ihre Erfahrungen haben, was sie und ihre Wertvorstellungen geprägt hat. Das ist bei einem protestantischen Landpfarrer in Baselland ganz anders als bei einem Fabrikarbeiter in Genf. Die alten Leute sind nicht überflüssig, aber ihre Rolle als Bewahrer einer allgemeingültigen Überlieferung hat sich erledigt.
Wenn die Alten den Jungen nichts mehr raten können, was ist dann ihre Rolle?
Das Ziel muss sein, dass man im Alter ein subjektiv sinnvolles, meinetwegen würdevolles Leben führen kann. Dazu braucht man eine gute Schulbildung, die einen lehrt, für vieles offen zu sein. Aber das wird zusehends schwieriger. Sogar die Universitäten wollen den Studenten heute in erster Linie möglichst schnell den Einstieg in die kommerzialisierte Welt ermöglichen. Wichtig wäre, dass die Ausbildung über das jetzt und hier zweckmässige Wissen hinaus etwas vermitteln könnte. Damit man später, wenn man im Produktionsprozess nicht mehr integriert und akzeptiert ist, für sich noch etwas daraus machen kann.
Haben Sie als junger Mensch eigentlich die Alten geehrt?
Nein. Ich habe meinen Vater nicht geehrt, er war bei meiner Geburt 40, in seiner Familienmoral lebte er noch im 19. Jahrhundert, das war sogar damals unmodern. Einen meiner Grossväter mochte ich sehr, der war liebevoll zu seinen Enkeln, menschenfreundlich, tüchtig. Der ist in Würde gealtert, aber mit dem Begriff hätte er nichts anfangen können. Geehrt habe ich ihn dennoch nicht. Ich war immer skeptisch gegenüber Autoritäten.
Die Lebenserwartung steigt stetig an: Müsste man die Leute nicht viel später pensionieren, statt sie in den sogenannten Ruhestand zu schicken?
Die Einhaltung starrer Altersgrenzen ist natürlich ein Unsinn. Aber genauso unsinnig ist es, diejenigen, die früher pensioniert werden wollen, als Drückeberger zu bezeichnen. Die Vorstellung, dass sich unser Lebensalter unbegrenzt erhöht, halte ich im übrigen für falsch.
Trotzdem stellen sich medizinische und ethische Fragen: Soll man etwa bestimmte Operationen an über 90-Jährigen noch durchführen?
Die Naturwissenschaften sind zu einseitig auf das Machbare ausgerichtet. Die Sinnfrage wird an die Religion und die Philosophie delegiert. In der Medizin führt die hohe Spezialisierung weg von der Beantwortung der Sinnfrage. Aber darum kommen wir nicht herum! Bei alten Leuten stösst auch die hochentwickelte Gelenkchirurgie oft an ihre Grenzen – was nützt es, jemandem mit über 80 ein künstliches Schultergelenk einzusetzen, wenn man dabei riskiert, dass er durch die lange Narkose eine Hirnschädigung erleidet? Den Fortschritt soll man nicht aufhalten wollen, aber man muss darauf bestehen, dass man den ganzen Menschen dabei im Auge behält.
Was geschieht mit der Zukunft, wenn man alt ist?
Man macht keine Zukunftspläne mehr, eher hat man Phantasien: Es wäre schön, wenn ich noch dieses Buch lesen, diese Reise machen könnte. Solche Sachen. Aber da sind die körperlichen, geistigen und finanziellen Hindernisse. Für viele ist es auch ganz wichtig, dass sie ihren Nachkommen etwas vermachen können, sie leben übertrieben sparsam, weil sie das Ersparte vererben möchten.
Warum leben viele Menschen im Alter so sehr in der Vergangenheit?
Sie wird immer wichtiger, weil das Frischgedächtnis nachlässt, die Merkfähigkeit für Neues. Das ist ein hirnphysiologisches Faktum. Das subjektive Zeitgefühl für die letzten Jahre wird sehr kurz. Meine Frau ist seit neun Jahren tot, aber es kommt mir vor, als sei es erst zwei Jahre her. Und ich erinnere mich an viel mehr aus der früheren gemeinsamen Zeit als aus diesen letzten neun Jahren.
In Ihren Büchern schildern Sie Erlebnisse aus Ihrer Jugendzeit ausserordentlich plastisch.
Meine Erinnerungen sind lückenhaft, aber ich habe ein ausgeprägtes Gestaltgedächtnis: Ich erinnere mich an Licht, Farben, akustische Eindrücke, Orte, Gefühle. Ich könnte den Ort genau zeichnen, wo ich mit meinem Bruder die erste Schnepfe schoss, diese Auenlandschaft, die Büsche, die Wiesen, den Sumpf – heute ist das eine Industrielandschaft.
Kann man im Alter besser mit Verlusten umgehen?
Man kann nicht sagen: man. Das ist bei jedem anders. Ich bin über den Tod meiner Frau noch heute so traurig wie vor neun Jahren. Der einzige Trost ist, dass ich sicher bin, dass sie meinen Tod noch schwerer ertragen hätte als ich den ihren. Wir waren der seltene Fall von zwei Menschen, die wirklich gut zusammenpassten – nicht symbiotisch, sondern in beweglicher Auseinandersetzung. Wir mussten voneinander auch ziemlich viel hinnehmen.
Auch Untreue?
Wir verstanden uns sexuell sehr gut, aber das bedeutete nicht, dass wir uns treu sein mussten. Treue und Eifersucht, überhaupt diesen Absolutheitsanspruch, lehnten wir ab. Wir waren da ganz offen miteinander. Natürlich machte das einen auch traurig. Aber es war kein Verrat. Entscheidend für uns waren die gemeinsamen Ideale und Werte.
Welche Ideale waren das?
Ganz wichtig war der Glaube an eine gerechtere Welt, in der weniger Grausamkeit herrscht, als sie die Zivilisation hervorbringt. Nicht dass ich geglaubt hätte, ich könnte die Welt verbessern. Jeder Intellektuelle tut Dinge, von denen er weiss, dass sie nichts bewirken. Er tut sie trotzdem, weil er weiss, dass die Welt noch schlechter wäre, wenn niemand sie täte.
Paul Parin wurde 1916 als Sohn eines Schweizer Gutsbesitzers in Polzela (Slowenien) geboren. Er studierte Medizin in Graz, Zagreb und Zürich, wo er 1939 seine Frau, Goldy Matthèy, kennenlernte. 1944 nahmen sie mit einer Mission von Schweizer Chirurgen am jugoslawischen Befreiungskrieg teil. Nach der Ausbildung zum Neurologen und Psychoanalytiker eröffnete Parin 1952 mit seiner Frau und Fritz Morgenthaler eine Praxisgemeinschaft in Zürich. Ab 1955 unternahmen sie zu dritt längere Forschungsreisen in Westafrika. Mit ihren Untersuchungen von Stammesgesellschaften leisteten sie Pionierarbeit für den neuen Forschungszweig der Ethnopsychoanalyse. Nach der Aufgabe der Praxis 1990 wurde Parin Schriftsteller. 1997 starb seine Frau Goldy. Für sein wissenschaftliches und literarisches Werk hat er zahlreiche Ehrungen erhalten.
Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ-Folio.