Mit einem Geleitwort von Wolfgang Mertens
04/2008. (Edition Déjà-vu, Frankfurt am Main), Paperback, 240 Seiten; 22,4 × 14,6 cm. 28,– €
ISBN: 978-3-9805317-7-1
Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfenen Hirnmythologien stellten Versuche dar, geistige und psychische Vorgänge auf noch relativ grober anatomischer und vager physiologischer Grundlage zu erklären. Auch Freud glaubte, sein Entwurf einer Psychologie von 1895 sei ihm zu einer wissenschaftlichen Mythologie mißraten, »eine Art von Wahnwitz«, den er nie veröffentlichte - »völlig zu Unrecht!« (G. Roth), wie man durch das Interesse der heutigen Hirnforschung an der frühen Konzeptentwicklung Freuds weiß. In einigen Briefen an Fließ aus demselben Jahr läßt sich nachlesen, wie geistig und emotional bewegend die Arbeit am Entwurf für Freud gewesen sein muß. Er schreibt, eine so noch nie durchgemachte »hochgradige Präokkupation«, begleitet von Selbstzweifeln (»Hoffentlich ist es nicht ›Traumgold‹«), habe ihn befallen, ja »regelmäßig ganz aufgezehrt«, und über Wochen habe er »die Nachtstunden von elf bis zwei mit […] Phantasieren, Übersetzen und Erraten verbracht«. In dieser hochkreativen Schaffensphase sprach Freud auch mit einem gewissen Respekt von seiner »theoretischen Phantasie«, die er umsichtig zu hüten gedachte, und deutete damit an, daß er sich ihres wertvollen Beitrags zum wissenschaftlichen Arbeiten bewußt war. Freud beurteilte also nicht nur das kreative Geschehen selbst, sondern erlebte und reflektierte auch sein persönliches Ergriffensein im Schaffensprozeß. Im schöpferischen Denken ist das Phantasieren oder, wie es Freud auch einmal ausdrückte, sind »endopsychische Mythen« eben keine Phantasterei. Will man rational begründbares Wissen schaffen, kann dies immer nur aus letztlich unableitbaren Prämissen geschehen, die ihre Wurzeln in der Dimension des Imaginären haben. Neben den Auffassungen Freuds zu Begriff, Rolle und Funktion der Phantasie beleuchtet der Autor Aspekte ihrer Entstehungsgeschichte und einige von Freuds Selbstaussagen zur wissenschaftlichen Kreativität und geht der Frage nach der speziellen Art und Weise seines wissenschaftlichen Denkens nach - ohne die Wissenschaftlichkeit psychoanalytischer Konzepte und metatheoretischer Aussagen zu bewerten. Er gibt damit neue Anstöße für die Diskussion darüber, in welchem Maße wissenschaftliches Denken im Sinne Freuds für unser heutiges Verständnis von psychoanalytischer oder sogar humanwissenschaftlicher Theoriebildung noch wichtig ist.
In einer seiner kreativen Schaffensphasen sprach Freud mit einem gewissem Respekt von seiner »theoretischen Phantasie«, die er umsichtig zu hüten gedachte und deutete damit an, daß er sich ihres wertvollen Beitrags zum wissenschaftlichen Arbeiten bewußt war. Freud beurteilte also nicht nur das kreative Geschehen selbst, sondern reflektierte auch sein persönliches Involviertsein im Schaffensprozess. Im schöpferischen Denken ist das Phantasieren, oder wie es Freud auch einmal ausdrückte, sind »endopsychische Mythen« eben keine Phantasterei. Will man rational begründbares Wissen schaffen – so lautet die zentrale These des Autors – kann dies immer nur aus letztlich unableitbaren Prämissen geschehen, die ihre Wurzeln in der Dimension des Imaginativen haben.
Die Phantasie genoß in der Gründungsphase der Psychoanalyse ein hohes Ansehen und spielte für die Entwicklung ihrer Methodik eine wichtige Rolle. Dies war aber kein Zufall, sondern Ausdruck einer programmatischen Haltung im Freudschen Denken – der »Aufeinanderfolge von kühnspielender Phantasie und rücksichtsloser Realkritik«. Mit der Zunahme an praktikablen Konzepten und Behandlungsstrategien wurde die Phantasie allmählich zu einem Begleitphänomen – dem stets auch eine psychopathogene Seite zugeschrieben wurde – und hatte schließlich ausgedient: Sie wurde in den »Naturschutzpark« verbannt.
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